Organismen 3

Nach Maschinenhalle#1 (Eröffnung steirischer herbst 2010) klingt Organismen nach programmatischer Weichenstellung. Doch da wie dort geht es um komplexe Systeme. In diesem Fall stehen dem Orchester-Organismus auf der Bühne zwei einzelne Organismen gegenüber, als Kontrast und Ergänzung: die Tänzerin Eva-Maria Schaller und ich als Sprecherin.

Ursprünglich sind die einminütigen Kompositionsgeschenke ans ORF-Radio-Symphonieorchester nicht geschrieben worden um dazu zu tanzen. Die drei sehr unterschiedlichen Stücke, die ich ausgesucht habe - von Bernhard Lang, Klaus Lang und Bernhard Gander - bieten sich allerdings ideal für transmediale Überschreibungen an. Die strukturellen Prinzipien sind jeweils so klar und deutlich, dass sie auch choreografisches und denkendes Schreiben anleiten können. Mit abwechselnd musikalischen, tänzerischen und sprachlichen Sequenzen entwickelt sich so ein Stück imaginativer Textur.

 

Live: ORF Radio-Symphonieorchester

Dirigent: Gottfried Rabl

 

Kompositionen:

Bernhard Lang: Ausschnitt aus „/Monadology II/“

Klaus Lang: "fette und schnelle kühe"

Bernhard Gander: Ausschnitt aus „lovely monster“

 

Konzept, Choreografie, Text: Christine Gaigg

Tanz: Eva-Maria Schaller

Licht: Philipp Harnoncourt

Assistenz: Iris Raffetseder

 

 

1

Vor kurzem stand ich im Museo del Prado in Madrid vor einem Triptychon von Hieronymus Bosch. Im linken Flügel der „Garten Eden“, in der Mitte der „Garten der Lüste“ und rechts davon die „Musikalische Hölle“, wo übergroße Musikinstrumente als Folterwerkzeuge fungieren. Danach erwarb ich im Museums-Shop um 12 Euro ein 1000-teiliges Puzzle der Reproduktion des Mittelteils „Garten der Lüste“. Jetzt, beim bereits wochenlang andauernden Zusammensetzen des Puzzles erkenne ich, wie das Bild als sich selbst generierende und sich selbst ordnende, paradiesische Wucherung komponiert ist. Die grundlegende Kompositionseinheit besteht aus nackten, miteinander beschäftigten Menschen. Die Figuren unterscheiden sich in ihrem Aussehen kaum voneinander. Und trotzdem sind keine zwei Situationen gleich. Von unten beginnend gegen den Himmel zu vervielfältigen sich die Ensembles aus stehenden, knienden oder kopfüber hängenden Menschen und werden von überdimensionalen Früchten, Vögeln und Fischen, von Reitern auf Pferden, von Kamelen von links und Kamelen von rechts ergänzt.

 

2

Der Filmemacher und Mathematiker James Benning macht Filme, in denen ein fixer Kamerablickwinkel über lange Zeit auf eine Landschaft gerichtet ist. Der Film „13 Lakes“ zeigt jeweils zehn Minuten lang dreizehn nordamerikanische Seen. Die Horizontlinien sind genau nach dem Verhältnis des Goldenen Schnitts eingerichtet. Am unteren Rand ist das Bild nicht von einem Ufer begrenzt, also steht man als Zuschauer quasi am oder im Wasser. Oft sieht man auf den Grund. Was man sieht und hört ist das, was in den zehn Minuten auch passiert wäre, wenn keine Kamera und kein Tonaufnahmegerät dabei gewesen wären. Fast unmerkliche Veränderungen auf der Wasseroberfläche / plötzliches dramatisches Einsetzen von Regentropfen / ganz selten ein Motorboot. Bei der Projektion im Kinosaal passiert dagegen um Einiges mehr. Wir, das Publikum, sind nach dem ersten See einmal nur erleichtert und stolz, die zehn Minuten halbwegs überstanden zu haben. Doch nach und nach entwickle ich einen freien Blick für die minimalsten Ereignisse auf der Leinwand und entdecke unzählige Anknüpfungspunkte in mir selbst.

 

3

In einem Aufsatz mit dem Titel „Die Seele und die Tätowierung“ beschreibt der Philosoph Michel Serres ein Erlebnis, als er beinahe Schiffbruch erlitten hätte und sich nur in letzter Not retten konnte. Das Schiff war in Brand geraten. Durch ein enges Bullauge versucht er, ins Freie zu gelangen. Während er Zentimeter für Zentimeter seinen Körper aus der brandheißen und todbringenden Umgebung ins eiskalte und eventuell rettende Meer hinüber zieht, beschäftigt ihn die Frage, wo sein Ich sich in jenem Moment befände. Drinnen, verbrannt, verkohlt? Draußen, ertrunken, erfroren? Durch dieses Erlebnis, so schreibt Michel Serres, habe sein Körper gelernt, für immer und wahrhaftig "Ich" zu sagen. Sein Körper bemerkt die Gleichgewichtsverschiebungen / reguliert sogleich die Abstände / weiß bis wohin und nicht weiter.