AFFAIR

Text: Christine Gaigg

                    

[OBJET TROUVÉ, 1993] Freitag Abend kommt Peter an. Ich bin aufgeregt wie vor der Ankunft eines potentiellen Liebhabers. Aber ich bemühe mich, keine Erwartungen zu haben. Was passiert, ist ok. Um eins frage ich, voller Integrität, wo er schlafen wolle. Bei mir. Es ist sehr dunkel. Wir fangen an, uns zu berühren. Irritationen tauchen auf. Ich denke mir, er „spiegelt“ nur. Ein guter Trick. Ihm ist es zu finster, das Verhütungsproblem will er nicht anschneiden. Verunsichert, wer die Leitung hat. Irgendwann schlafen wir ein. Am Morgen finden wir uns in körperlicher Umarmung und reden über die Vorkommnisse des Abends. Wir haben Sex, das Problem ist jetzt das Kondom. Irgendwann bemühen wir uns nach draußen. Regen. Cafe. Kondomkauf. Der Sex ist schön und lang, Kondom erfolgreich. In der Nacht davor, da habe ich mir gedacht, ist auch nicht schlecht, so intensiv zu atmen. Es regnet in Strömen, wir schaffen es, unsere gute Laune da durch zu kriegen und essen zu gehen. Kino, wir halten Händchen. Der Film ist ein Schwulenfilm, die Frau ist ein Vampir. Unsere Vertrautheit verführt uns dazu, vor der Vorstellung noch zu vögeln. Er will es, er fragt danach. Eigentlich finde ich, dass zu wenig Zeit ist und es ist auch überhastet. Verschleiß von drei Kondomen. Es ist nicht befriedigend. Nachher ist es irgendwie anders. In einer Beziehung habe ich Möglichkeiten: eine Szene; zu sagen ok, es muss nicht immer gut und lang sein. Aber hier? Es ist klar, dass ich Marc nicht haben kann. Er ist für niemand zu haben. Das Spiel wäre: so unabhängig und faszinierend zu sein; das habe ich nicht gespielt. Peter wird es zu viel, ich merke es, weiß aber nicht, was los ist. Joseph geht mir nicht aus dem Kopf. Nicht nur, dass er auf eine invasive Art flirtet, sofort eine erotische Beziehung aufbaut, mir auf den Kopf zusagt, was ich angeblich ausstrahle: dass ich nur im Körper meinen Ort finde, dass ich so tue, als ob es keine Zeit gäbe, dass ich mich weigere, meine Geschichte aufzubauen. Dass ich einen Ort finden muss und einen Partner. Aber warum sagt er mir vorher, ich muss sieben Jahre reisen? Fühlte mich ertappt, wollte nicht defensiv sein, zum Witzigsein fehlte mir das Zeug. Warum ruft Marc an um mir zu sagen, dass er kommt? Und dann nicht kommt. Er habe sich nicht stark gefühlt. Heißt das, er kann mir nur unter die Augen treten, wenn er sich nicht gefährdet wähnt? Nicht zu dürfen turnt mich ab. Es interessiert mich dann nicht mehr, alles wird verschwommen, soft. Ich tue auf aufgeweckt und freundlich und manchmal rutscht mir eine Gemeinheit heraus. Ich berste vor schlechtem Gewissen. Marc ist nicht unschuldig daran, das ist existentiell. Meine neueste biblische Versuchung, der ich wohl nicht nachgeben werde, aus Feigheit mehr denn aus Prinzip, heißt Adam. Tanzen war ziemlich gut, es wäre auch gut, aber dann denke ich mir, ich verspreche vielleicht mehr, als ich halten kann. Aber muss man gut vögeln können, wenn man gut tanzen kann? Wovor habe ich plötzlich Angst? - Auch wenn es nicht gehalten hat, was es versprochen hat (aber das ist öfter so beim ersten Mal) spinne ich Fantasien. Ich rufe Adam an, obwohl er doch eigentlich nicht da ist. Er ist da. Und tut als wüsste er nicht wer ich bin. - Ich erlebe ein Gefühl von Hingabe, nichts stört, alles ist richtig, erotisch, sexuell, kommunikativ. Reden fließt ein, ist aber nicht immer notwendig, Atmen, Laute. Ich liebe es, Schwänze zu lutschen, weil ich dann die Lust des Mannes höre. Seit wann ich so gut mit Schwänzen umgehen könne? Traurigkeit gehört zum Wochenendpaket dazu, aber warum ist jeder Abschied ein kleines Verlassenwerden? Ich weiß, ich kann ihn nicht haben. Im Vergleich zu Peter ist Marc lieblos, brutal und vor allem inszeniert. Once he is going he is going, er kann keine Pausen einlegen. Mit Peter kann man Pausen einlegen, er kann endlos vögeln. Da ist keine Sekunde gemacht oder geblufft. Erregung und Lust sind spürbar, greifbar, gleich wieder herstellbar, unterschwellig immer da, aber nicht überinszeniert. Meine erste Ejakulation! Es ist wie eine Defloration, mit dem Unterschied, dass es nicht geplant war und keiner damit gerechnet hätte. Es ist ganz eindeutig ein scharfer weißer Strahl von einem bestimmten Punkt tief drinnen und dann rinnt es heiß heraus. Today my pussy is still in turmoil, swollen, pulsating, my skin remembers your skin very well, there is something about your skin, the energy, it is responsive, adaptable, opens into the unknown. Your fingers inside my pussy, it’s such a pleasure, I can totally surrender to it, it’s such a wave! Yet, I managed to masturbate. The carrots were too thin, the cucumbers too expensive, so I took a zuchhini which was fairly small but did the job. Of course I know the design of those weekends, the freedom, the luxurious attitude, contribute to it. Hin und her gerissen zwischen Panik (Paul wäre sehr böse und würde mich rauswerfen wenn er es erführe) und doch eine gewisse Bestimmtheit, mein Leben in die Hand zu nehmen. Wegen Peter bin ich diesmal nicht hysterisch und verzweifelt, sondern nur traurig, sehnsüchtig, immer noch sehr sinnlich, mich verzehrend. Es wird Zeit, dass ich wieder tanze. Die einzige Methode, den Schmerz zu transformieren und nicht nur zu unterdrücken. Paul ist nicht der Meinung, dass wir mit dem Blödeln den Problemen ausweichen. Anscheinend haben wir beide die gleiche Taktik: abwarten und sich keinen Stress machen. Wahrscheinlich ist jetzt der Zeitpunkt, wo es selbstzerstörerisch ist, Peter noch zu treffen. Er hat keinen Grund, zu mir zurückzukommen, außer einem, an den klammere ich mich wie an einen Strohhalm. Er hat mich zwei Mal für jemand anderen verlassen. Und zurückgeworben, aber jedes Mal als Extra. War ich je mehr als ein Extra? Ist es nicht absurd, dass Peter mir meine Sexbesessenheit vorgeworfen hat?    Peter angerufen, er war sofort dran und nicht unfreundlich. Mir geht alles drunter und drüber. Wenn ich ihn frage, wie er es schafft, umzustellen, erwarte ich, dass er auch „schwer“ sagt? Dann muss es ja ein Schlag in die Magengrube sein, wenn er sagt „normalerweise schon, aber dieses Mal nicht“. Was heißt das? Außerdem mache ich den Fehler, mich nicht gut zu verkaufen. Ich rede zu viel von Sex. Ich muss es erst rüberkriegen mit anderen Inhalten. Am selben Abend Adam getroffen. Ich bin seine erste „ältere“ Liebhaberin. Seine Freunde finden, er hätte sich lieber der „junior sister“ zuwenden sollen. Die „junior sister“ sehe seiner Freundin ähnlich. Ich nehme mir vor, von mir aus nichts mehr zu tun. Er ist ziemlich frustriert, unlocker, was mich verwirrt, erzählt mir immer die gleichen Dinge. Kennt merkwürdige Leute, kein Wunder, wenn er ein verzerrtes Bild von Europa hat, wenn die reichen Frauen aus den Afro-Stunden in den Fitness-Centern ihn abschleppen. Er weiß nicht, warum er mich mag (soll das heißen: jemanden, der nicht besonders hübsch ist, nicht besonders jung, schon gar nicht reich, keine eigene Wohnung hat?) Was meinen Männer, wenn sie sagen “emotional“? Brief von Peter. Körperlich gleich, aber: 1., physio-chemical dependency, 2., sex with ex-lovers is a kind of regression, 3., wäre mehr als zwei Tage der breakdown of an illusion? Verwirrt, verwirrt. Was soll das heißen? Regression? Wer sagt das? Dependency? Wo er sich doch so gut umstellen kann? Will er es abschneiden? Beschäftigt mich den ganzen Tag. Dass Marc durch Peter überwunden wäre, ist eine Illusion. Peter ist gutes Lovemaking, Marc ist eine Herausforderung. Ich weiß nicht, ob ich es tun soll. Angst vor den Erwartungen, vor dem Rundherum. Vor den Folgen einer Selbstbestrafung. Plötzlich bin ich sehr allgemein müde. Nach dem Tanzen bin ich müde, aber es geht mir gut. Ich will niemanden anrufen. Nach dem Unterrichten bin ich adrenalinhigh, auf einmal will ich verbotene Dinge tun, mich ausleben. - Es ist eh wieder nicht passiert. Diesmal bin ich frustriert. - Wenn ich nur aufhören könnte! Mir geht das Anrufen und Codieren auf die Nerven. Ich verstehe den Code immer erst im Nachhinein. Mit Paul geredet, kurz vor der Sentimentalität bin ich dann sexuell erregt. Lisa erzählt von ihren Ausritten. Ich scheine das Böse in die Welt zu bringen. Ich erzähle so freimütig, dass andere angestiftet werden. So bin ich jetzt eine Vertrauensperson von zwei zueinander gehörenden Menschen, wobei man einiges lernen kann. Rainer glaubt zb, dass er der Böse ist, der alle Frauen haben will, der womanizer halt, der sich was beweisen will und Gott sei Dank sei Linda nicht so. Dabei hat sie ihr Verhalten nur auf ihn abgestimmt, nein der Typ interessiert mich nicht, nein der ist nicht fesch, nein den treffe ich nicht. Seit ich Peter Mitte Dezember für eine spontane Nacht in Zürich abgesagt habe, ist der Sex mit Paul phänomenal. So stelle ich mir erwachsen bumsen vor: keine großartigen erotischen Herumfummeleien, dafür viel mehr Intensität ohne Aufwand. Es ist wie ein Schritt weiter zum ekstatischen Sex. Trotz dieser Erfolge habe ich nichts versprochen. Peter ist nur aufgeschoben, Adam hat mich zu seiner Geburtstagsfeier eingeladen (da war ich krank) und Marc ist wieder in meinem Schädel, besonders intensiv im Zusammenhang mit Natur, mit Bergen. Ich fühle mich wie eine Umlaufschleife für Hormone. So viele Typen, so viele verschiedene Beziehungsmuster. Ich kann gar nicht sagen, dass eines besser als die anderen ist. Ich ruiniere langsam meinen Ruf im Freundeskreis. Wieder einmal habe ich alle wegen einer Wohnung angerufen. Mit  Adam was ausgemacht, aber er hat einen anderen Tag notiert, ich bin wütend. Beim nächsten Training ertappe ich mich oft dabei, wie ich ihn anschaue und er mich. Dann schaue ich sofort weg, ich habe nicht wirklich Kontrolle über mein Benehmen. Ich hoffe natürlich noch auf eine Initiative von ihm. Insgesamt bin ich wieder einmal im sinnlichen Himmel. Täglich Sex, Tanzen, Emotionen, die Macht der Hormone. Es ist mit Paul ausgezeichnet. Aber ich bin nicht in dieser Systematik, dass mich Adam nicht mehr interessiert. Als aufgeblühtes Wesen würde ich mich auch Adam gern präsentieren. Nun ist es doch passiert, aber weit unter dem Level, den ich erwartet hatte. Sexuell nicht interessant, mir unverständlich, so abgeschnitten von den sonstigen Gefühlsebenen, die wir haben. Hat es doch alles mehr mit Einbildung, Jagd, Fantasien zu tun? Ich beherberge außerdem das (bis jetzt ohnehin unbestätigte Klischee), dass Musiker gute Liebhaber sein müssen. Aber sinnlich war es nicht wirklich und leidenschaftlich auch nicht. Marc war doch eine Ausnahme, das muss doch für ihn auch so gewesen sein, anders kann ich es mir nicht vorstellen. Ich fühle mich wie Aschenputtel, insgesamt. Dass ich anscheinend Illusionen nachhänge, über mein Niveau mich in einer Fantasie befinde. Gestern Abend war ich beim Ehepaar essen, Joseph und ein gewisser Harry waren auch da. Es war ziemlich witzig, obwohl es über lange Strecken um Leute ging, die ich nicht kenne, Kunst- und Galeriebetrieb. Würde ich mit Joseph ins Bett gehen? Ich brauche keine 85 kg im Bett, so gesehen nicht. Aber seine Annäherungsversuche sind nicht unangenehm. Ich sitze im Cafe, sehe eine Schwarze mit einer unglaublichen Figur, wie in The Crying Game, an der Grenze zwischen den Geschlechtern. Ich bin allgemein eifersüchtig auf die Welt. Insgesamt ein bisschen wenig Sex rundherum, das führt zu einem ständigen Hunger. Im Time Magazine die Chemicals von Liebe. Bestätigt alle meine Theorien: bestimmte Chemicals die ersten 2,3 Jahre, nach 4 definitiv vorbei, dann kommen andere. Ausgelöst wird alles durch psychische und genetische Imprints, und Geruch. (Warum halten sich ausgerechnet Intellektuelle an die vier Jahre?) Auf jeden Fall wieder ein ausgezeichnetes Körpergefühl, sehr sexy, mit dem gewissen Mangel. Jede Generation hat ihre Männer. Unsere: narzisstisch, manisch-depressiv. Peter hat angerufen. Ich kann es gar nicht fassen, wie er auf einmal zugibt, dass er mich treffen will. Dass ich in seinen sexuellen Fantasien bin, es hat mich erregt, dieses Gespräch. Er ist auch in meinen Fantasien und ich bin mir sicher, dass dieses Weiterführen der sexuellen Exploration nicht schlecht ist, für niemanden. Ich vermisse Paul, ich vermisse Peter. Man kann schon zwei Menschen gleichzeitig lieben, zumindest wenn sie beide nicht da sind. Es ist letztlich egal, ob ich es Sex oder Liebe nenne, wenn es ausbleibt, drehe ich fast durch. Manchmal sehnt man sich nach jemandem, der einen erlöst, der mich von der Kontrolle und vom Denken wegbringt, und manchmal ruft der Erlöser an. Peter kommt am Donnerstag Abend! Es stimmt, ich hatte massivste Erwartungen, die dann dazu führen, dass ich mich heruntergesetzt fühle, wenn es heißt „nur“ Sex. Beinhaltet doch alles, waren wir uns doch einig. Dieses Mal bin ich nicht so traurig, dass er weg ist, vielleicht kommt das später, aber ich fühle schon wieder die sexuelle Wüste auf mich zu kommen. Richtig vögeln ist immer noch das Beste, was es gibt. Auf dieser Stufe zu sein, wo kratzen und beißen hoch erregend sind, wo Schmerz ausgeschaltet ist. Ein emotionaler Kick muss auf jeden Fall dabei sein und wenn es ein Streit ist. Wenn mir die Dinge entgleiten, entgleiten sie mir halt. Während des Essens reden wir, über meine Briefe, über Beziehungen, über unsere und so. ich höre Dinge heraus, die mich beunruhigen: dass man mit mir halt Sex hat (aber nichts Tiefes) was wir wollen ist „nur“ Sex etc., Dinge, die nie gesagt wurden, aber umso heftiger hängenbleiben. Nachher beim Sex fallen mir diese Sachen wieder ein, im Widerspruch zu dem, was ich empfand. Meine hohen Erwartungen, der Augenblick, das Gespräch, die Verunsicherung, ob ich das alles empfinden dürfe, haben mich fast ohnmächtig werden lassen. Mann muss mich überwältigen. Er hat mich fest umarmt, wie mit einem Kind, das sich aufführt, und dann haben wir mit dem wildesten Vögeln unserer Karriere begonnen. Ich bin so gefickt worden, wie ich mir das erträume, wild, gewalttätig, aber nichts tut weh. Kratzen in diesem Zustand ist höchster Genuss, merkwürdigerweise gibt es keine Male. Ein „altered state“ aus dem Bilderbuch. Wie wiederholt man diesen emotionalen Impact? Jede sexuelle Beziehung ist eine ungleiche. Vielleicht werde ich aber auch glücklich mit meiner Konstruktion. Happily cheating. Mit Peter zb kann ich mir nur das vorstellen, was wir gerade tun, ab und zu treffen, dedicated to fucking, eating, movies. Fantasien von Beziehung existieren sicher nicht. Ich habe Marc im Havanna getroffen. Gerade als der junge Supertänzer anfängt mit mir zu flirten, kommt Marc auf mich zu. Seine Freundin war auch da. Wir haben geredet und geschmust, er hat mich geküsst. Er sagt, es sei nett, die Spannung zu spüren. Er fängt wieder an mit dem Kontrollspiel. Jetzt könne er es noch kontrollieren (mit der Erektion), aber wenn wir weitergingen, würden wir es beide wollen. „I want to fuck you so badly.“ Er würde mich nicht treffen wollen, weil er immer mit mir schlafen wollte. Dann wieder dieser leidenschaftliche Kuss vor dem Klo. Ich begehre diesen Typen so sehr, dass daneben alles andre unwichtig wird. Wenn er sagt, er wolle mich ficken, wenn er mich angreift, küsst, geht in mir eine Welle die Wirbelsäule hoch, wie ich es sonst nicht erlebe. Im Regen nach Hause fahren: warum, verdammt noch mal, bumsen wir nicht? Was soll diese Kontrolltour? Und warum muss er mir dauernd über seine Monogamie-oder-nicht Vorstellungen erzählen? Diesmal habe ich ja gut mitgespielt. Meine Begierde war deutlich, aber ich habe mich einverstanden erklärt. Danach konnte ich stundenlang nicht schlafen, aber masturbiert habe ich auch nicht. Lieber gehe ich tief in diesen inneren Schmerz, dieses Brennen die Wirbelsäule entlang, als dass ich zur Entspannung masturbiere und dann in einen hysterischen Weinkrampf verfalle. In derselben Nacht ein Traum: Ich muss mit dem Auto nach Salzburg fahren, es geht kurvig bergab, also zurück kurvig bergauf. Beides schaffe ich, ohne Führerschein, ich bin erstaunt, dass es geht. Ich bin allerdings auch stolz darauf. Dann komme ich in mein Haus, in das drei Schwarze (identifizierbar aus dem Havanna) hineinwollen. Die Tür mache ich zu, dränge sie hinaus, aber sie brechen durch das Dachbodenfenster ein (das hatte ich nicht bedacht). Die Situation ist dann aber nicht bedrohlich. Wenn ich gedacht habe, dass es besser war, nicht mit Marc zu schlafen, um mich auf Paul einzustellen, oder wenn ich Sophies Ratschlag ernst genommen habe, Marc als Fantasie zu benutzen, dann war das alles eine Täuschung. Es funktioniert alles nicht. Weiß nicht, was ich tun soll. Marc in mir töten? Peter nicht mehr treffen? Wenn ich mit Paul über Sex rede, was ich halt leider dauernd tue, ist es irgendwie komisch, dass wichtige Erfahrungen nichts mit ihm zu tun haben. Er fühlt sich verarscht oder glaubt, dass ich einen Liebhaber habe, was ja nicht einmal zu zehn Prozent stimmt. Andererseits habe ich Panikattacken, ihn zu verlieren. Es stimmt, er balanciert mich aus. Wie lange kann ich mir das noch leisten, alles zu wollen und auch an allem dranzubleiben ohne die Fähigkeit, es auszuhalten?    So erklärt Joseph den Traum: Auto = metaphysischer  Aspekt, Tod, Abschied, Tod der Männlichkeit, Gewalt. Die drei Schwarzen: Zeugen, weil sie so anders sind. Aber weil ich sie kenne: nicht einmal drei Männer können es kompensieren. Nicht ich bin es, die das Auto fährt (ich habe ja keine Erlaubnis dazu), sondern meine Lust. Ich möchte in einer anderen Situation sein. Ist über Trennung. Weitere Auslegungen zum Traum: die drei Schwarzen sind Begehren. Alles ist Begehren. Ich kann mich noch so bemühen, sie draußen zu halten, sie kommen dann doch herein. Ich ertappe mich  dabei, wie ich nach dem Nagelfeilen aus dem Fenster schauend die Feile aus dem roten Etui ziehe und wieder hineinstoße, wie diese Bewegung einen bestimmten Rhythmus annimmt und immer schneller wird und meine Pussy darauf reagiert. Tom has a crush on me. Ich mag es, aber erstaunlicherweise wenig körperliche Reaktion. Er hat dieselbe Kopfhaltetechnik wie Marc (er ist ja der Choreograf), aber es fährt mir nicht ein. Nichtsdestotrotz gibt es einige Pluspunkte: er steht einfach auf und küsst mich, neben der eifersüchtigen Juliette, neben Joseph und Sophie. Wenn die Chemie nicht so arbeitet, kann ich auch viel besser die Widerständige, naja, die Unberührte spielen, zumindest verhalte ich mich nicht total aufdringlich. Liebesleben, immer die gleiche Masche: Marc taucht auf, beschäftigt mich, Paul kommt, Marc beschäftigt mich noch mehr, plötzlich reagieren alle möglichen Männer auf mich, aber nur ansatzweise, von sexuellem Ausleben keine Spur, alles ist kompliziert und dann fahre ich wieder. Blöd auf Sam reagiert, nämlich passiv entgegenkommend. Die schwarze Rhetorik ödet mich an. Unzufrieden und blockiert. Bin ich nur glücklich, wenn ich was produziere oder wenn ich bumsen kann? Warum können manche Leute, wenn sie keinen Sex haben, sich auf was anderes konzentrieren und warum muss ich die ganze Zeit daran denken, während mein Busen kleiner, mein Hintern größer und meine Ausstrahlung vage wird? Bei Katharinas Geburtstag war ein Mädchen, ein Bub eigentlich, das mich so erregt hat, dass ich nicht mehr wegschauen konnte. Es ist nicht wirklich der Körper, es ist die Energie, oder Hormone (sie hatte Akne). Warum kommt Marc auf die Idee, dass ich dominant bin? Ich bin ein Milchmädchen. Was mir an mir wirklich auf die Nerven geht ist, dass ich nichts sage. Bleibt Paul nur bei mir, weil ich zwar nichts gebe (weil ich ja nicht da bin), aber auch nichts fordere und pushe? Ich möchte wieder von jemandem sexuell abhängig sein. Man sucht immer nach intensivem Gefühl, schlussendlich egal, wie. Vollmond. In 24 Stunden mindestens fünf Männer leidenschaftlich geküsst oder geküsst worden. Ich bin immer mehr versucht, mit Fadel was anzufangen, auch wenn es mir völlig absurd vorkommt, jemanden in der Disco aufzuklauben, der älter aussieht als er ist, very demanding ist, und eine Show abzieht von wegen verliebt. Es ist tricky, denn andererseits ist es umgekehrt wie bei Marc. Ich könnte wahrscheinlich noch zehn küssen, es würde immer angenehm sein, einfach weil ich offen und selbstvertraut bin, aber es wird nie sein wie bei Marc. Ich hätte gern, dass Peter available ist, dass Marc anruft, dass ich wieder ganz normal tanzen gehen kann [anscheinend kann ich nicht mehr ins Havanna gehen, weil ich mit Sam und Fadel geschmust habe]. So viele Typen rundherum, ich muss zur Zeit ein Alptraum sein.  Etwas zieht mich an Fadel an und überzeugt mich, etwas anderes macht mir Angst. Im Licht sieht er irgendwie psychotisch aus, die Schatten um die Augen und der Zug um den Mund. Gut, er küsst besser als die anderen, wahrscheinlich ist der Sex nicht so schlecht. Andererseits gefährlich („allergic to condoms“, harte Jugend, Mutter…) Ich bin einfach ein kleinbürgerliches, gutbehütetes Mädchen, mit wenig Lebenserfahrung. Warum muss mir jeder sagen, ich müsse mich entscheiden? Und warum tue ich es nicht? Gestern im Park mit Fadel, fast gebumst, aber dann doch nicht mit nach Hause genommen. Dabei wäre es doch das Sicherste, wenn Sophie im Haus ist. Was nicht ist, kann noch werden. Natürlich bin ich geil, natürlich kann ich mir vorstellen, dass es gut ist. Aber irgendwie bin ich verunsichert. Wenn ich fest entschlossen bin, es zu tun, vergeht das Gefühl im Lauf des Tages. Es wäre gut, um Marc zu vergessen, um Peter zu handhaben. Peter sei viel unterwegs und habe nicht daran gedacht, mich anzurufen. Das fährt rein. Ok, sie sitzt daneben, aber Fakt ist, dass er wirklich nicht angerufen hat. Fadel Männerwerbung. Redet über sich und seinen Charakter. Stellt mir Fragen, aber scheint nicht wirklich interessiert. Er hat nicht mehr von Liebe geredet und ich nicht mehr von Sex. Sam und Fadel reden wieder miteinander. Freue mich auf die Nacht mit Fadel. Peter hat angerufen und das Gespräch vertagt. Wieso wirbt Fadel plötzlich so sophisticated? Vielleicht hat er gar nicht mehr vor, mich zu vögeln, vielleicht habe ich schon den Bogen überspannt. Marc hat angerufen, bloß ich war nicht da. Das in der Runde zu diskutieren ist natürlich die reinste Auslieferung. Ich zittere, ich bin aufgeregt und benehme mich daneben. Rudi, ein Beispiel, wie man in der Gegenwart eines anderen relaxt sein kann, sich gut unterhalten kann, aber keine, absolut keine Anziehung entsteht. Wie kann dieser Mann so viel von Kampf reden und absolut keinen sexuellen Drive haben? Ich verstehe überhaupt nicht, wie der zu zwei Kindern kommt. Die Mutter von Marc, ich habe es geahnt, sie ist mächtig, sie ist groß, sie liebt und bewundert ihren Sohn. Und dann mein Traum! Ich hatte ihn vergessen: ich heirate Marc, seine Mutter ist eine Sadistin. Die ganze Zeremonie ist äußerst unangenehm. Ein Gefängnis. Ich spüre, ich mache den größten Fehler meines Lebens. Ich bin gespannt, wie lange dieser Zustand anhält: Marc begraben, Peter will ich nicht mehr sehen, erleichtert, dass Fadel erledigt ist. Ich denke nicht an Sex. Marc hat angerufen, aus Berlin. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass ich in terms of long distance calls versagt habe. Weder habe ich was von mir gegeben noch habe ich was aus ihm herausgekriegt. Er habe Probleme mit seiner Beziehung, mit treu sein, mit ihrem Ex-Boyfriend. Wenn er anruft, merke ich sofort körperliche Veränderungen, mein Busen wächst, meine Lippen werden weich. Wieso kann Fadel sich wochenlang um mich bemühen und dann am letzten Abend mit allen möglichen Frauen tanzen? Zwar war ich stolz auf meine Hinhalte- und Abwartetaktik, aber jetzt gehe ich doch wieder zurück auf meine Jetzt-gleich-Leiden-später-Einstellung. Peter hat angerufen. Und seitdem denke ich wieder nur an seinen Schwanz, an Sex mit ihm. Gestern hatte ich eine Wollustorgie mit mir, die keine Wünsche offen ließ. Ich will diese sexuelle Beziehung wirklich, müsste doch gehen, ohne jemandem weh zu tun! Ich will von ihm verführt, gevögelt, gekratzt, gefesselt, geschlagen werden, die ganze Bandbreite auskosten. Sein Lachen hören, seinen Arm um meine Mitte gelegt haben und seine Hand in meinem Nacken. Ich atme mit dem Herzen als Film verfehlt nicht seine Wirkung. Die Frau ist unglaublich hässlich, alt und superathletisch dünn. Wie kann man nur so aussehen? Wer soll die anziehend finden? Und dann ihr Verhalten, schon geil, wenn ihr einer eine Frage stellt, widerlich auf der einen Seite, nachvollziehbar dennoch. Der Machismo. Wie aus der Luft gegriffen das Verhalten der Typen ist, wie sehr es trotzdem einschlägt bei ihr. Die Sucht nach dem Vögeln, so nah an mir dran, dass es mir peinlich ist. Die Abweisende zu spielen kann verdammt schwer sein, wenn nicht unmöglich. Die Geilheit ist in den Augen. Könnte ich den Sechzehnjährigen vögeln oder den Typen vom Sekretariat? Alles nicht meine Fantasie, Buben halt. Bevor ich jemanden einführe, brauche ich noch eine ausgewachsene Affäre mit einem Superliebhaber. Ich lechze danach, von jemandem sexuell abhängig zu sein! Habe ich es notwendig gehabt, Peter anzurufen? Heute habe ich auf dem Klo etwas gesehen, das neu sein muss, schließlich bin ich auf diesem Klo öfter: 9 1/2 Wochen mit 2 (!) Männern. Nicht nur, dass ich geil werde, ich bin auch neidisch und eifersüchtig. Wann passiert mir wieder so was? Sind andere Leute auch dauernd damit beschäftigt? Goran fehlt mir (ist es nur das Spielzeug, das man mir weggenommen hat, oder Fantasie, die alles färbt?) Das erste Einander-in-die-Augen schauen, wie ein Sprung ins grüne klare Meer. Dass er so wahnsinnig aufgeregt und auf dem Sprung war, immer einen Ständer gehabt hat, wie er dasteht, ein bisschen bucklig, aber so schön, sein flacher flacher Bauch, die Dringlichkeit seiner Arme, wie er meine Finger gelutscht hat. ich habe mich sehr zurückgehalten mit jeder Art von physischem Kontakt gemäß den kulturdifferenzierenden Vorträgen von Paul. Die Message der Römerquelle Werbung ist klar: in so einer Situation trinkt man besser keinen Alkohol. Ich war mehr betrunken, als nach zwei Gläsern Wein normalerweise möglich ist, dauergeil sowieso. Paul fand ich auch sehr attraktiv. Ob das zusammenhängt? Brauche ich immer einen zweiten Begehrer? Von zwei Männern begehrt zu werden ist eine chemische Bombe. Nie hat mich Paul mehr begehrt als nach dem Unfall, gebumst wie ein Tier. Die Adrenalinausschüttung? Muss immer was passieren, damit das Tier heraus kann? Peter wird anrufen und ich bin nervös. Es ist purer Wahnsinn, was ich getan habe. Während des Eisprungs! Wie kann man nur so unverantwortlich sein? Was ist es, was mir dann immer die Sicherungen durchhaut? Ich hoffe nur, dass die Pille was nützt. Was soll ich tun? Wen soll ich noch anrufen? Anrufen heißt einweihen. Mir ist das Lügen schon anstrengend genug. Aber es war gut. Jetzt weiß ich natürlich nicht, wie es weitergeht. Moralisch habe ich keine Probleme, im Gegenteil, ich finde, es gibt verschiedene Arten von Liebe, auch sexueller Liebe und gerade dabei gibt es Arten, die nicht in einer Beziehung lebbar sind. Sexuell sehne ich mich gerade nach mehr Gewalttätigkeit und Triebhaftigkeit. Sentimentalität, Unsicherheit, Vorsichtigkeit, führen bei mir trotz gutem Willen zu nichts. Die Peter Geschichte ist an einem schwierigen Punkt. Kann man wirklich noch so tun, als wäre es keine Beziehung (= keine Arbeit?) Ich finde, wir sollten einfach Sex haben, Sex für die Wellenlänge, und dann darüber reden. Ich will auch nicht immer die anderen Beziehungen so ausklammern. Es muss nicht ein Doppelleben sein, es kann doch ein Experimentieren sein mit jemandem, der sexuell ideal passt. Mir leuchtet ein, dass das nicht Magie ist, sondern sexuelle Abhängigkeit. Nachdem Marc gegangen war, zwischen 8 und 9, habe ich halb geschlafen, gefrühstückt, Entscheidungen getroffen, schließlich die Pille genommen. Sein unverantwortliches Verhalten ist betörend. Woher nur all die Irrationalität kommt? Alles wegschieben, um dem perfekten Moment näher zu kommen, gerade wenn es nicht klickt, sollte man fähig sein, zu stoppen und bestimmte Sachen zu diskutieren (auch wenn es klickt, aber das ist eine andere Geschichte). Warum will ich mich jemandem ausliefern, der es nicht verdient? Es ist genau das was ich will, mich ausliefern, hingeben, voll geben, doch dazu braucht es mehr und ich will dann nicht in der Luft hängen gelassen werden. Warum muss er so attraktiv sein? Nach der sexuellen Ekstase mit Paul der hormonelle flashback. Ich weiß nicht, ob ich Sex so gut finde, lenkt mich ab. Mir war es egal, ob ich schwanger war oder nicht, noch ärger, es hätte mir gar nichts ausgemacht. Jetzt denke ich wieder anders. Vielleicht ist es das Katholische. Wenn ich viel und außerordentlich guten ekstatischen Sex gehabt habe, zehre ich davon, träume davon, bin energiegeladen. Jetzt, nach vielen außerordentlich guten Orgasmen bin ich deprimiert, muss mich vom Masturbieren abhalten, muss mich anhalten zu arbeiten, fühle mich irgendwie schuldig und weiß nicht wofür. Das ganze Dilemma fängt von vorne an. Muss man sich leicht außer zwischen Kind und Karriere, Beziehung und Beruf auch noch zwischen Sex und Success entscheiden? Ich träume von Peter und zwei Tage später ruft er an. - Peter kommt nicht. Er hat den Pass im Auto gelassen, das Auto ist in einer anderen Stadt. Warum torpediert er unproblematische Wochenenden? Für mich ist es unproblematisch, ich weiß nicht, wie es für ihn ist. Ich bin wütend, enttäuscht, furios, determined, irgendwo den Sex zu kriegen, auf den ich gehofft hatte. Ich bin sexuell schon wieder ziemlich auf Touren. Ich bin so needy, so abhängig von einem intensiven Wochenende, dafür würde ich mittlerweile schon alles tun. - Peter war da. Bin ich in meiner sexuellen Ausgerichtetheit so überhöht, dass ich andere stresse? Wenn der sexuelle Drive stark genug ist, findet er einen Weg ums Kondom herum. Es ist verzwickt. Wenn wir jetzt sagen, wir halten Kontakt, aber nicht als sexuelle Treffen, sind wir vielleicht so entspannt, dass es wieder sexuell wird. Mit Rudi an so etwas wie Weisheit teilhaben. Natürlich verliebt man sich nicht in jemanden, der so offensichtlich gut ist. Sex außerhalb ist wirklich nicht mehr möglich. Drei mal hintereinander gröbere Kondomprobleme, das macht keinen Spaß mehr. Ich habe einen Rückfall. Es interessiert mich eigentlich nicht mehr so, die Gelassenheit, die Ruhe, Liebe und Sex nur im Kombipack. Jetzt will ich doch wieder Affären wegen der Aufregung und wegen dem Komplizierten. Soll ich nie wieder diese intensiven Gefühle haben? Damals haben sie mich versklavt, jetzt vermisse ich sie. Wenn ich gut drauf bin, will ich Sex und zwar nicht den, der mit Liebe zu tun hat. Steve hat mich so gekonnt aufgerissen, das musste honoriert werden. Allgemeines Gerede, gleich mit Einkastelung, wenn auch ohne Berührung, später mit eindeutigen Angeboten. Mein schlechtes Gewissen rührte daher, dass ich gewusst habe, dass das passieren wird, dass ich jemanden treffen werde. Ich habe ihm meinen Arsch vor die Kamera gehalten, damit er ein Sujet hat. Wie Fritz richtig bemerkt hat, sehe ich wirklich keinen Grund, warum ich nicht mit jedem schlafen soll, der mir gefällt. Bei Steve kann man nicht sagen, dass er gut aussieht, aber der Sex klingt gut. Dabei hatte ich es zuerst verweigert. Als er davon sprach, dass sich die Einstellung seiner Frau seit der Geburt des Kindes geändert hätte, und er nach regelmäßigem Sex außerhalb suche, war ich etwas vor den Kopf gestoßen. I will not be the one, you know that. Weil ich gedacht hatte, meine Einstellung zu Sex hätte sich geändert und ich würde Liebe und Sex nur mehr mit Paul verknüpfen. Außer die Anziehung ist so stark, aber dann, nur einmal - Er habe herausgefunden, dass man auf das horchen müsse, was jemand nicht will. Ich wolle nicht sein lover werden, daher - Stimmig von der ersten Landnahme bis zum ersten Fuck. Interessanterweise vögelt Paul gleich viel aggressiver, wenn es eine kleine Vermutung gibt, dass ich mit jemand anderem geschlafen habe. Ich lüge, indem ich nicht zugebe, dass ich nicht bei Maria geschlafen habe, aber alles andere erzähle ich als Wahrheit. Die Organisation der Lüge ist kniffelig, man muss sich wirklich jedes Detail überlegen. Die Müdigkeit, die roten Augen, die Anstrengung wach zu bleiben, haben in mir die Überzeugung geweckt, dass es die Lüge diesmal tut. Es ist genug Bestrafung, den ganzen Tag ein Wochenendprogramm durchzuziehen inklusive Abend, ohne umzukippen. Solange der Sex und alles stimmt, gibt es keinen Grund zu Aussage. Jetzt bin ich mit organisatorischen Fragen beschäftigt, es braucht ganze Nächte. Was immer dieser Typ tut, es ist das Richtige und ich bin selbst bei banalen rhythmischen Bewegungen immer am Rande des Orgasmus. Mir ist der Zusammenhang zwischen Sex und Krieg klar, das Vokabular sagt es ja deutlich. Chronisch geil, aggressiv geil, in einer Nacht mit Steve habe ich weibliche und männliche Orgasmen abwechselnd. - Ich befinde mich in einer Art Warteposition. Wenn es weitergeht, ist es gut, wenn nicht, auch. Ich will mir nicht Pauls Sanktus holen für das was ich da tue. Das schlechte Gewissen kommt, wenn die Wirkung der Hormone aufhört. Nachdem Quickies nicht meine Sache sind, könnte ich das Ganze auch wieder aufhören. Außerdem habe ich den Verdacht, dass sexuell aggressive Männer im Leben defensiv und stur sind. Es lässt sich ja auch alles so schön relativieren. Das Fremde, das Überraschende, die Hingabe, alles, was passiert auskosten, und man kann nie wissen, was kommt, das steigert natürlich die Erregung. Bin ich zu intensiv, zu geil, zu leicht zu haben? heißt das jetzt: im Endeffekt zu wenig für jemanden, der für sein Ego fickt? - Wenn Steve sagt, dieser Sex wäre der beste gewesen, dann geht es eigentlich genau darum: wir merken eh beide, dass das über guten Sex hinaus geht. Manchmal denke ich mir, es geht ihm so wie mir, auf Chancen wartend, sich aus der Affäre zu ziehen und dann es einfach nicht zu können. Wenn Offenheit etwas ist, das er bei mir sucht und kriegt, soll mir das recht sein. In Wirklichkeit steigt er mehr auf meine Ungeduld, Unersättlichkeit und Verlustängste ein als jeder andere. Genaugenommen hätte ich seine Verfügbarkeit zu würdigen. Was bleibt ihm anderes übrig, als gleich, nachdem ich gegangen bin, mit seiner Frau zu vögeln? Das tue ich doch auch. Bei dem Gedanken, keine Abenteuer mehr zu haben, weil mir die nur den Mund wässrig machen, fühle ich mich auch nicht wohl. Seit ich mit Steve telefoniert habe, fängt das Ganze wieder an. Jetzt, wo Steve nach wie vor auf mich fixiert ist, bin ich am Hin-und-her-tun. Will ich es überhaupt weiterführen, wenn ich dann süchtig bin, kann ich nicht mehr freien Willens entscheiden. Ich liebe Paul und will ihn auf keinen Fall verletzen, ein undenkbarer Gedanke. Ich liebe Sex mit Steve und sehe keinen Grund, das aufzuhören. - Ich war mir so sicher, dass ich mit Steve aufhöre, weil ich keine Lust auf sexuelle Power habe (auf mich ausgeübt), weil das mit Alex doch ein bisschen anders war. - Steve und ich haben doch wieder Sex gehabt und es war genau richtig. Wir sind Freunde und manchmal verhalten wir uns wie Tiere. Im Moment ist das einzige, was mich interessiert, durchgefickt zu werden. Der sexuelle Entzug macht mich wahnsinnig.  Zuerst vögle ich mit Steve im Park, hoffentlich nicht gefährlich. Dann gehe ich ins Theater, lächle Vincent an, er steigt darauf ein. Warum ist das so, dass man aus dem Haus geht, nicht nennenswert attraktiver als sonst, und alle Männer reagieren? Ist das rein biologisch, der Eisprung? Natürlich war es ein Blödsinn mit Steve und dass er so defensiv reagiert macht es noch klarer, dass ich das Verhältnis nicht fortsetzen kann. Irgendwie schon arg, dass es immer so lange gut geht, solange nichts passiert, aber in der Gefahrenzone gehen sie dann ein. Sex, wenn er mit Liebe nichts zu tun hat, muss vorsichtig und rational gehandhabt werden, das heißt: Kondom, immer. Vincent weiterverfolgen kommt mir fast nutzlos vor, so richtig transzendieren tut das nicht. Ob ich mit Steve weiter tue, der dauernd anruft, weiß ich noch nicht. Eher nicht. Vincent auch nicht, Adam auch nicht. In der U-Bahn die Dealer. Wenn ich ein Ex-Junkie wäre, würde ich ein Stück nur über die Blicke machen.

[SAMPLES, ab 2013] Es gibt ein Bild in The Comfort of Strangers, das ich mir gemerkt habe: Sie und ihr Freund fahren nach Venedig, um ihre Liebe aufzufrischen. Sie will, dass er mit ihr und ihren Kindern zusammenzieht. Er will nicht so recht. Sie liegen am Strand, sie geht ins Wasser, schwimmt hinaus und als sie zurückkommt, will er schon, aber sie nicht mehr. Er hat sie sich entfernen sehen, sie hat die Freiheit gekostet.  //   Da geht ein Mann mit einer Frau und einem Kind, also offensichtlich eine Familie. Aber dann: der Mann und ich schauen uns aus der Entfernung in die Augen, das geht mir durch und durch. Das ist neu, dieser begehrliche Blick in die Augen und nicht auf den Körper. - Ich brauche das Gefühl der Freiheit, meinetwegen habe ich ein Problem mit Nähe. Wäre er nur nicht so invasiv und besitzergreifend! Seine Ansicht, ich könne seine feurige Liebesfähigkeit nur im Paket mit Besitzergreifen haben, teile ich nicht generell. Ich kann mich doch auch sexuell total hingeben und bin deswegen kein Gesamt-Mausi.   //    In einer Rezension zu Arno Geigers Roman Alles über Sally steht: „Und dreht sich Mitte fünfzig wirklich noch so viel um Sex (der im Übrigen einigermaßen krud beschrieben wird)?“ Dabei handelt doch ein großer Brocken der Weltliteratur von Männern in diesem Alter, die sich ihr Leben durch ebendiesen Sex, um den sich plötzlich wieder alles dreht, zu verlängern hoffen! Wenn es dann eine Frau ist, bei der sich viel um Sex dreht, ist es auf einmal verdächtig. Die Ähnlichkeiten mit Sally, ihre Triebhaftigkeit und ihre Männersucht, ihre Angst, dieser Rausch könnte der letzte gewesen sein, sind fast unheimlich, dabei kennt Geiger mich gar nicht.   //   Die Umarmung war derart, als würden wir uns gegenseitig aufessen oder müssten uns vor dem Ertrinken retten, aber seine Frau war nie mehr als fünf Meter weit weg. Die schmerzhafte Verliebtheit habe ich veratmet wie man Wehen veratmet (na, dann viel Glück mit den Presswehen), aber Wunsch und Begehren bleiben bestehen. Es hat schon einen Grund, warum die Umarmung sich anfühlte wie ein Sichrettenmüssen vor dem Ertrinken, denn woran er sich tatsächlich festhält ist ein wahnwitziges Konzept von Treue, um sich ein störungsfreies Leben bis zum Schluss zu sichern.   //  Der Elektriker ist noch gar nicht richtig bei der Tür draußen, kommt schon sein erstes SMS: „Hoffe dich bald wieder zu sehen“. Ich hab ja genauso die ganze Zeit seine Arme gecheckt, und irgendwann haben wir uns länger in die Augen geschaut als notwendig. Laut facebook hat er eine Frau und ein Kind. Das Prickeln, wo das herkomme, schon vor dem Orgasmus, er habe so was noch nie erlebt. Normalerweise bin ja immer ich diejenige, die halb ins Nirwana eintaucht, aber jetzt waren wir es beide. Ich habe einem Ex-Junkie zu seinem ersten endogenen Drogencocktail verholfen. Ich sei eine Hexe, ich hätte ihn verzaubert. Der sexuelle Blick ist eine Gunst, er ist klassenübergreifend. Wie sonst hätten ein Ex-Junkie aus dem Kinderheim und ich zusammenfinden sollen? Auf parship.at? Jetzt stellt er sich tot, wahrscheinlich, weil er ein Problem mit der Treulosigkeit gekriegt hat. Beim ersten Mal kann man noch sagen, es ist einem passiert, das zweite Mal muss man sich gut überlegen. Vorgestern kam ein SMS: „Hi, meine Orgasmus Göttin! Ich kann nicht vergessen, was du mit mir gemacht hast! Ich will jetzt mehr davon!“ Gestern um dreiviertelsechs schreibt er: „Leider kann ich heute doch nicht kommen! Meine kleine Maus ist krank! Ich melde mich wieder bei dir! “ Meine Enttäuschung ist größer, als ich es im Moment ertragen kann. Natürlich können Kinder krank werden, auch sehr plötzlich, aber mein erster Gedanke ist, dass er Angst hat und zurück zieht (weiß er nicht, dass man sich zweigleisiges Lügen gar nicht erst angewöhnen soll?). Er kommt um halbzehn, wir fangen sofort an, also, er ist es, der sofort anfängt. Bis er wieder aufhört, weil er seinen „Kopf nicht ausschalten kann“. Er denke an seine Frau und seine Kinder. Kinder?! Er hat noch einen Sohn gekriegt - in dem Moment, wo er mir das sagt, rechne ich nicht nach, aber: dann war, als wir uns getroffen haben, seine Frau schwanger, und zwar schon ziemlich! Davon sagte er damals nichts. Er habe ein schlechtes Gewissen. Respektiere ich, aber natürlich bin ich enttäuscht und will ihn nicht gleich wieder gehen lassen. Was folgt, ist sicherlich eine Qual für beide, aber ich verstehe dadurch ein bisschen besser, warum wir sexuell so gut zusammenpassen und ich erfahre sein Dilemma hautnah. Da ist etwas, kleine Berührungen, die nicht technisch sind, die Ambivalenz zwischen Qual und Lust, die von der Gewissensplage gesteigerte sexuelle Erlebnisfähigkeit, Liebkosungen und Einträge aus dem Lexikon der sexuellen Fantasien, Momente des Zwingens und der Objekthaftigkeit, Akte der Verzweiflung und lustvollen Aggression.   //   Beim Herumsuchen im Internet finde ich die Behauptung, bei Frauen wären Begehren und Erregung zwei verschiedene Pfade. Sie würden Sex mögen, aber trotzdem hoffen, dass es nicht dazu kommt. Schwer vorstellbar, aber bei Charlotte Roche kommt das auch vor. Muss komisch sein, so ein Leben als Frau.  //   Gestern schreibt er, dass er viel an mich denken muss und sein Schwanz hart ist. Ich hatte nicht einmal Muße, darauf zu reagieren.   //   In Erica Jongs feministischem Klassiker Angst vorm Fliegen laden sich die sexuellen Begegnungen gegenseitig auf: Eifersucht, Freiheitsstreben gegen Sicherheit, Abenteuerlust, all das trägt dazu bei. Gegenwärtig aber scheint sich das abgespalten zu haben, es geht um sexuelle Positionen und Techniken.   //   Er schreibt, ob ich mir die Schamhaare kürzen würde, dann würde er mit mir ficken. Als ich nicht reagiere, nimmt er das quasi zurück. Der gewohnheitsmäßige Sex ist nicht ganz so toll wie die ersten Male als er sich noch nicht traute, damals war durch das Verbot eine extra große sexuelle Spannung. Aber ein rasendes Herz hat er auch jetzt noch, wo er offensichtlich mit sich selbst ausgemacht hat, dass außerehelicher Sex ok ist. Als wir zusammen kommen, ejakuliere ich mit einem Schwall, sicherlich die größte Menge, die ich je ejakuliert habe. In einem altvaterischen Falter Artikel über Sex und Beziehung lese ich die üblichen Klischees, aber was mich genaugenommen aufregt, bis hin zu der Art von politischem Gekränktsein, wie es momentan so in ist, ist der Ausdruck Omasex, als Beispiel Demi Moore mit dem 16 Jahre jüngeren Ashton Kutcher. Oma ist doch keine Altersangabe, nicht einmal eine Lebenserfahrungsbestimmung, sondern bezeichnet ein Verwandtschaftsverhältnis. Noch nie hat man gehört, dass ältere Männer mit jungen Frauen Opasex hätten. Beim Einschlafen denke ich daran, ob er, der 16 Jahre jünger ist, unsere Zusammenkünfte vielleicht als „special interest Omasex“ sieht. Dass er mir währenddessen, also während ich mir diese Gedanken mache, ein Ständer Selfie schickt, weiß ich zu dem Zeitpunkt nicht, weil ich das Handy auf stumm geschaltet habe.  //  Ich habe so eine riesige Sehnsucht nach diesem meinem Tiersein, das ich nicht selbst herstellen kann, vom Atmen bis zum Ejakulieren.  //  Am späten Abend dann ein SMS, er sei den ganzen Tag in Bratislava gewesen. Ich: „dann bist du wahrscheinlich müde, oder?“ - Er: „Ja leider! Für dich brauch ich meine volle Kraft! Ach, wenn ich nur daran denke, dir meinen harten Schwanz ganz tief in deine Muschi zu stecken!“ Die Wirkung ist ein Wahnsinn, ich empfinde das mit der Kraft als Kompliment und masturbiere mich in einen Taumel. Ich brauche mir mittlerweile nicht einmal mehr was vorzustellen, ein winziges SMS reicht für extremste Geilheit. Heute dafür etwas katerig (vielleicht kommt irgendwann mal heraus, dass ein Orgasmus eine Art Notoperation des Körpers ist, so wie die Ausschüttung der Endorphine beim Laufen ja auch nicht ursprünglich das Fitsein im Auge hat). Dass er sich nicht meldet ist gelinde gesagt ein Rätsel. Habe ich da grundsätzlich was falsch verstanden? Jedenfalls ist es ein irrer Unterschied, ein pornografisches SMS von jemand zu lesen, der einen will und dasselbe SMS von derselben Person, wenn sie nicht mehr kommuniziert. Dann ist es banal und funktioniert nicht mehr.   //   Beim Film Doubles Vies von Olivier Assayas kriege ich einen Gusto auf Paarsein, Freunde, Affären. Und zwar genau so: Paarsein nur, damit man das aufregende Affärenleben haben kann. Affären ohne Paarsein sind ja nicht aufregend.   //   Das Hingezogensein zum Abgrund und Strategien zu finden, sich vom Abgrund entfernt zu halten. Er, der es monatelang schafft, nicht hineingezogen zu werden und dann, plötzlich, in einem schwachen Moment denkt er sich, ein einziges winziges Mal sich noch melden, das wird man doch noch dürfen.

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