Der Nicht-Ort ist das Gegenteil der Utopie

Marc Augé: Nicht-Orte. Verlag C.H.Beck, München, 2010

 

So wie ein Ort durch Identität, Relation und Geschichte gekennzeichnet ist, so definiert ein Raum, der keine Identität besitzt und sich weder als relational noch als historisch bezeichnen lässt, einen Nicht-Ort. Unsere Hypothese lautet nun, dass die „Übermoderne“ Nicht-Orte hervorbringt, also Räume, die selbst keine anthropologischen Orte sind und, anders als die Baudelairesche Moderne, die alten Orte nicht integrieren; registriert, klassifiziert und zu „Orten der Erinnerung“ erhoben, nehmen die alten Orte darin einen speziellen, fest umschriebenen Platz ein. Eine Welt, die Geburt und Tod ins Krankenhaus verbannt, eine Welt, in der die Anzahl der Transiträume und provisorischen Beschäftigungen unter luxuriösen oder widerwärtigen Bedingungen unablässig wächst (die Hotelketten und Durchgangswohnheime, die Feriendörfer), eine Welt, in der sich ein enges Netz von Verkehrsmitteln entwickelt, die gleichfalls bewegliche Behausungen sind, wo der mit weiten Strecken, automatischen Verteilern und Kreditkarten Vertraute an die Gesten des stummen Verkehrs anknüpft, eine Welt, die solcherart der einsamen Individualität, der Durchreise, dem Provisorischen und Ephemeren überantwortet ist, bietet dem Anthropologen ein neues Objekt, dessen bislang unbekannte Dimensionen zu ermessen wären, bevor man sich fragt, mit welchem Blick er sich erfassen und beurteilen lässt. Dabei gilt für den Nicht-Ort geradeso wie für den Ort, dass er niemals in reiner Form existiert. Orte und Nicht-Orte sind fliehende Pole; der Ort verschwindet niemals vollständig, und der Nicht-Ort stellt sich niemals vollständig her – es sind Palimpseste, auf denen das verworrene Spiel von Identität und Relation ständig aufs Neue seine Spiegelung findet. Dennoch sind Nicht-Orte das Maß unserer Zeit, ein Maß, das sich quantifizieren lässt und das man nehmen könnte, indem man – mit gewissen Umrechnungen zwischen Fläche, Volumen und Abstand – die Summe bildete aus den Flugstrecken, den Bahnlinien und den Autobahnen, den mobilen Behausungen, die man als „Verkehrsmittel“ bezeichnet, den Flughäfen, Bahnhöfen und Raumstationen, den großen Hotelketten, den Freizeitparks, den Einkaufszentren und schließlich dem komplizierten Gewirr der verkabelten oder drahtlosen Netze, die den extraterrestrischen Raum für eine seltsame Art der Kommunikation einsetzen, welche das Individuum vielfach nur mit einem anderen Bild seiner selbst in Kontakt bringt. [...] Der Raum des Reisenden wäre also der Archetypus des Nicht-Ortes. Die Bewegung fügt dem Nebeneinander der Welten und der Erfahrung des anthropologischen Ortes wie auch dessen, was er nicht ist, noch eine besondere Erfahrung hinzu, eine Form der Einsamkeit. [...] Den wirklichen Nicht-Orten der Übermoderne, an denen wir uns befinden, wenn wir über die Autobahn fahren, in einem Supermarkt einkaufen oder in einem Flughafen auf den nächsten Flug warten, ist es eigen, dass sie auch von den Worten und Texten definiert werden, die sie uns darbieten: ihre Gebrauchsanleitung letztlich, die

in Vorschriften, Verboten oder Informationen zum Ausdruck kommen und entweder auf mehr oder minder explizite und codifizierte Ideogramme zurückgreifen oder auf die Umgangssprache. [...] Der Passagier der Nicht-Orte findet seine Identität nur an der Grenzkontrolle, der Zahlstelle oder der Kasse des Supermarkts. Als Wartender gehorcht er denselben Codes wie die anderen, nimmt dieselben Botschaften auf, reagiert auf dieselben Aufforderungen. Der Raum des Nicht-Ortes schafft keine besondere Identität und keine besondere Relation, sondern Einsamkeit und Ähnlichkeit. [...] Wir sind in der Welt der Übermoderne immer noch und niemals mehr „zu Hause“: Die Übermoderne (die von drei Figuren des Übermaßes bestimmt ist: von der Überfülle der Ereignisse, von der Überfülle des Raumes und von der Individualisierung der Referenzen) findet ihren vollkommenen Ausdruck auf natürliche Weise in den Nicht-Orten. Aber durch die Nicht-Orte zirkulieren Worte und Bilder, die in den noch vielfältigen Orten wurzeln, an denen Menschen einen Teil ihres alltäglichen Lebens zu konstituieren versuchen. [...] Wenn die Nicht-Orte den Raum der Übermoderne bilden, dann kann diese nicht dieselben Ansprüche erheben wie die Moderne. Sobald Individuen zusammenkommen, bringen sie Soziales hervor und erzeugen Orte. Der Raum der Übermoderne ist von diesem Widerspruch geprägt: Er hat es stets nur mit Individuen zu tun (mit Kunden, Passagieren, Benutzern, Zuhörern), doch er identifiziert, sozialisiert und lokalisiert diese Individuen lediglich am Eingang oder am Ausgang. Sofern die Nicht-Orte den Raum der Übermoderne bilden, müssen wir folgendes Paradoxon erklären: Das soziale Spiel scheint anderswo als an den Vorposten der Gegenwart stattzufinden. In der Art einer gewaltigen Paranthese nehmen die Nicht-Orte eine ständig wachsende Zahl von Individuen auf. Der Nicht-Ort ist das Gegenteil der Utopie; er existiert, und er beherbergt keinerlei organische Gesellschaft. [...] Die Erfahrung des Nicht-Ortes (die unlösbar verbunden ist mit der mehr oder minder deutlichen Wahrnehmung, dass Geschichte sich beschleunigt und unsere Erde kleiner wird) ist heute ein wesentlicher Bestandteil sozialer Existenz. Daher rührt der sehr spezielle und insgesamt paradoxe Charakter dessen, was man im Westen zuweilen die Mode der Selbstbespiegelung oder des Sich-Einspinnens nennt – niemals zuvor war individuelle Geschichte (aufgrund ihrer unvermeidlichen Beziehung zum Raum, zum Bild und zum Konsum) so sehr in der allgemeinen Geschichte, also der Geschichte schlechthin, gefangen. Erst sofern dies bewusst gemacht worden ist, lassen sich die gravierenden individuellen Praktiken nachvollziehen: die Flucht (in sich selbst oder anderswohin), die Angst (vor sich selbst und vor den anderen), aber auch die Intensität der Erfahrung (die Performanz) oder die Revolte (gegen die herrschenden Wertvorstellungen). Keine Analyse des sozialen Gefüges darf länger das Individuum verkennen, und keine Analyse des Individuums kann fortan die Räume ignorieren, durch die es sich hindurchbewegt.

 

 

Credits
Interview mit Christine Gaigg
Let's dance about sex
Tiefenströmung eines Wortgeschehens
Nicht-Orte
Freud