Variante, Variable und Varia

Das Haus des Österreichers Wolfgang Reiter hat die Zusammenarbeit gesucht mit der österreichischen Choreographin Christine Gaigg und dem Komponisten Bernhard Lang. 'Trike, deren neuste Performance, wendet die Techniken des DJ auf die Bewegung und auf die menschliche Stimme an. Das Ergebnis liegt ganz auf dem Kurs des Theaters am Neumarkt und steht unter dem Motto: kein Schonprogramm!

 

Performance Trike am Theater am Neumarkt

Frei schwebende PVC-Platten schneiden den weiten, leeren Raum in Segmente, Leuchtstoffröhren tauchen ihn in das kühle Licht eines Forschungslabors. Das Publikum sitzt an den Seitenwänden des Theaters als Zuhörer eines Konzerts für fünf Körper (hochgespannt) und eine Geige (elektronisch verstärkt). Die Choreographin Christine Gaigg arbeitet mit ihrer Vorsehungsmethode "Trike" (englisch für "Dreirad") im Mikrobereich von Bewegung und Stimme,- die treibende Tonspur des Komponisten Bernhard Lang als Partner und Widerpart. Man soll sich das, was sich vor den Augen des Betrachters während der kurzen Stunde abspielt, folgendermassen denken:. Gaigg legt eine Bewegungs- oder Tonfolge ihrer Performer unter ein virtuelles Elektronenmikroskop, bestimmt deren Bestandteile und variiert sie zu etwas völlig Neuem - zu einer Komposition der dritten Art, zu einer Partitur der Partikel, zu einer Eucharistie der Elementarteilchen -, das ein Opfer fordert allerdings, den zu kurz gekommenen Geiger Dimitrios Polisoidis vom Klangforum Wien.

 

Lob für Hamre und von Verschuer

Das ist cleverer und vielschichtiger, als sich auf den ersten Buck erschliesst. Zumal der erste Blick auf die Bühne (Stefanie Wilhelm) kein besonders einnehmender ist. Mit einem dezidiert nüchternen Ausdruck der Spielanlage, mit einer vorsätzlich falben Farblosigkeit verkauft man uns Gaiggs Forschungsreise als kinästhetisches Konzepttheater, als Hirntheater — wo es hier doch genau um das Gegenteil geht: um den Körper und seine Stimme, um die Stimme und ihren Körper, um die Frage, wie sich durch kleinstmögliche Verschiebungen eine Bedeutungsverschiebung und Wahrnehmungsverschiebung einstellt. Christine Gaigg arbeitet zum ersten Mal mit Schauspielern, und das macht uns in diesem Fall - im Fall der beteiligten Neurnarktianer Marianne Hamre und Leopold von Verschuer - die Annäherung an so viele Unbekannte leichter. Wie Hamre und von Verschuer sich in das Team der drei Gaigg -Tänzerinnen einordnen, ist schlechterdings eine Leistung. Dabei gewinnen die unterschiedlichen Persönlichkeiten in Bewegung und Ton derart charakteristisch an Gestalt, dass den Neumarkt-Gänger die Interdisziplinarität der beiden verblüffen muss.

 

Christine Gaigg setzt auf den aktiven Zuschauer, der das wortlose Geschehen einordnet und mit einer Bedeutung versieht, durch seine mentale Mitarbeit und Konzentration. Das ist keine Kleinigkeit in einem gewohnheitsmässig mit Sprechtheater programmierten Haus (wiewohl das Neumarkt statutarisch festgeschrieben als Bühne für "experimentelles Theater" gilt).

 

Genese einer Partitur

Sehgewohnheiten hin, Hörerfahrungen her, wem es in "Trike" gelingt, sich von Erwartungen zu verabschieden, wer sich ganz dem lautlichen, körperlichen und emotionalen Wechselstrom der Performer überlassen kann, dem wird einiges entdeckt. Die Grenzen der Bewegung, der Bedeutungswandel eines Ausdruckes, die Geburt eines Gestus aus sich selbst. Eine Bewegung, sagt Gaigg, ist nichts ohne ihre Vorstellung davon. "Trike" zeigt die hochkomplexe Genese einer Partitur von Bewegung, Bild und Ton. In dem innigsten Ineinander von Bild und Bewegung - und ihrer Vorstellung davon - ergibt sich ein drittes System, eine dritte Struktur, deren Schwingung die Schwingungen des Raumes aufnehmen, ihm anfüllen bis an die Wände des Theaters und unseres Innenohres. Dann werden die Performer bewegt von einer grösseren Energie, als es die Verfünffachung ihrer eigenen je sein kann. Der Zuschauer, energetisch erreicht, wird noch immer nicht verstehen, weshalb "Trike" ihn bewegt. Doch er wird sich als Bewegter fühlen, begriffslos und ahnungsvoll.

 

Daniele Muscionico, Neue Zürcher Zeitung

 

 

PERFORMANCEPROJEKT: TRIKE

MISCHPULT FÜR BEWEGUNG

Die Choreografin Christine Gaigg und der Komponist Bernhard Lang operieren im Theater am Neumarkt mit Musik- und Bewegungssequenzen im Mikrobereich.

 

Grosse Glasplatten fragmentieren die lang gezogene Bühne im Neumarkttheater. Sie schaffen Struktur, Transparenz und eröffnen einen Spielraum für die fünf neutral gekleideten Performerinnen und Performer des Bühnenprojektes um die Wiener Choreografin Christine Gaigg. Trike wurzelt in formalen Grundsätzen. In mikroskopischer Arbeit sucht Gaigg gemeinsam mit dem Musiker Bernhard Lang aus einfachen Musik- und Bewegungsfolgen einzelne Sequenzen zu extrahieren und neu zu organisieren. Operiert wird nach den DJ-Techniken des Loopens, des Scratchings und des Samplings. So werden Laute, Wörter, Gesten und Bewegungen zerlegt, vervielfacht, angehalten oder umgedreht. Das Ausgangsmaterial bilden lineare Phrasen mit einer Dauer von etwa 20 bis 30 Sekunden, die jeweils in 25 bis 30 Fragmente aufgesplittet werden. Die Koordination und die Montage der einzelnen Teile zu einer dynamischen Einheit erfordert vom Ensemble eine enorme Konzentration und Präzision. Gelingt die komplexe Interaktion, gibt es Raum für narrative und emotionale Momente, die im Verlauf des Geschehens aufblitzen.

 

Die Performance Trike, eine Koproduktion mit 2nd Nature und dem Tanzquartier Wien, trägt die Bezeichnung "Forschungsvorhaben". Denn sie bildet die Synthese einer mehrjährigen künstlerischen Recherche. Seit Ende der 9Oer-Jahre befasst sich Gaigg in ihren Choreografien mit den Möglichkeiten der (mathematischen) Systematisierung von Bewegungsmaterial Vorbild sind die minimalistischen Arbeiten des österreichischen Experimentalfilmers und Theoretikers Peter Kubelka, der bereits in den 5Oer-Jahren den Film nicht als (organische) Bewegung, sondern als strukturierte Abfolge von Einzelkadern gesehen hat. Die Zusammenarbeit mit dem Wiener Komponisten Bernhard Lang ist vor vier Jahren durch die Vermittlung des heutigen Neumarkt-Intendanten Wolfgang Reiter zu Stande gekommen. Lang beschäftigt sich in seiner Arbeit intensiv mit den Techniken des Wiederholens und Vervielfachens. Künstlerisch stellt sich das Duo immer neuen Herausforderungen. So stehen in Zürich neben den Tänzerinnen Barbara Motschiunik, Virginie Roy-Nigl und Veronika Zott erstmals auch die Theaterleute Marianne Hamre und Leopold von Verschuer sowie der Violinist Dimitrios Polisoidis mit auf der Bühne. Die Livemusik und das gesprochene Wort eröffnen dem bewährten künstlerischen Verfahren Möglichkeiten, die in der konkreten Umsetzung zwar diffizil, aber auch sehr erfrischend sind.

 

Charlotte Staehelin, züritipp

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Bojana Cvejic über TRIKE
Bojana Cvejic about TRIKE
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