TRIKE: Eine sich selbst intensivierende Erfahrung an den Grenzen der Bewegung

„Aber das Schöne ist ja, dass die alten Medien durch das Auftauchen der neuen Medien erst definiert werden“ sagte kürzlich Peter Kubelka in einem Interview. Anders ausgedrückt: Wir dürfen nicht vergessen, dass das Digitale immer analog transformiert erscheint, so wie man diesen Text als Buchstaben liest und nicht als 1-0 Code, in dem der Text verarbeitet wurde.

 

Die heutigen Möglichkeiten, ein bestimmtes Medium, in unserem Fall Tanz, zu erweitern, würden demnach weder die Suche nach seiner phänomenologischen Essenz sein, noch ein modisches Cross- oder Multimediales Mixen. Die Erweiterung geschieht stattdessen durch die Verstärkung der kinästhetischen Erfahrung von Bewegung, wenn der Tanz filmische oder musikalische Effekte des digitalen Zeitalters absorbiert.

 

TRIKE ist eine Kollaboration, initiiert und konzipiert von der Choreografin Christine Gaigg, mit dem Komponisten Bernhard Lang. Am Anfang stand beider Faszination eines einzigen Themas – Loops und deren Methode und Technologie – und wie die verschiedenen Bearbeitungen die Wahrnehmung von Bewegung, Bild und Ton verändern.

 

Bewegung wird gewohnheitsmäßig als linear geführter Bogen ausgedrückt, ausgeführt und angeschaut, wegen der sogenannten inneren „organischen“ Qualität des menschlichen Körpers. Sobald diese Entwicklungslinie der Bewegung unterbrochen, geschnitten und aufgefaltet wird, ist man sich als Beobachter nicht mehr sicher, zu welcher Kategorie das Gesehene gehört. „Es“ ist nicht mehr wirklich als Bewegung wahrzunehmen, weil Anfang, Ende, Form und Ausdruck schwer auszumachen sind; „es“ stoppt, wiederholt sich geringfügig verändert, dreht sich um und erreicht die Grenze zur Unbewegtheit. Scratching, Vorwärts/Rückwärts, mit oder ohne markiertem Anfang und Ende, in unterschiedlichen Geschwindigkeiten oder verschiedenen Längen von Samples, die wiederholt werden; bruchstückhaft, aber immer aus sich selbst herausgeschnitten. Als Bild multipliziert „es“ sich selbst durch das Aufeinanderlegen der verformenden Momente der Wiederholung, so dass man ein Über-Bild von selbst-variierender Verformung sieht. Und wenn es um die Sprache geht, wenn die Wörter im Mund der PerformerInnen bearbeitet werden, ähneln die verschiedenen Loop-Typologien in TRIKE einem Stottern. Wörter wie Laute und Bewegungen wie Wörter oder Gesten, sind hin- und hergerissen zwischen dem Verlangen, etwas auszudrücken und der Hemmung, der Äußerung tatsächlich Bedeutung zu geben.

 

Dem Zuschauer wird so ermöglicht, in die Zwischenräume der qualitativen Transformation auf der Granularebene der Bild-Bewegung und der Lauttextur der Sprache einzusteigen. Und noch eine Dimension zwischenmedialer Erfahrung wird ermöglicht. Bild und Bewegung verschlingen sich derart ineinander, dass man das Bewegungsgewebe fühlen kann: eine rein visuelle Berührung des Bildes (oder eigentlich der Vorstellung) in Bewegung.

 

In die Choreografie hinein mischt sich das Digitale, wie es in Experimentalfilm und –musik verwendet wird, mit dem Nebeneffekt, dass das Gesehene kinästhetisch angereichert ist. Weil es sich selbst immer wieder neu konzipiert und umformt, macht TRIKE bewusst, dass es den menschlichen Körper braucht, um die Bewegung nicht mechanisch werden zu lassen, sondern ein ständiges Oszillieren zwischen Bild und Bewegung herzustellen.

 

Bojana Cvejic

 

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